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Tilo Dumuscheit, Matineeverein, 13.04.2022
 

Der nachdenkliche Thomas Freitag am Freitag

 

Thomas  Freitag, frischgekürter Träger des Ehrenpreis des Deutschen Kleinkunstpreises, kam gehandicapt nach Herchen in die Aula des Bodelschwingh-Gymnasiums, um sein Programm „Hinter uns die Zukunft“ den Zuschauern der Herchener Matineevereins  zu präsentieren. Als Rekonvaleszent von zwei Knieoperationen, mit Gehstock ausgestattet, machte er aber von vornherein klar, wo es langgeht: „Das Programm findet zwei Etagen oberhalb der Gürtellinie statt.“

Man kennt Thomas Freitag als begnadeten Parodist von Politikern. Davon war am vergangenen Freitag nicht viel zu spüren. Seine Leitfrage des Abends: Woher kommt die menschliche Unfähigkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen? Gleich zu Beginn des Abends entfaltet er ein langes Stück Papier, den Beipackzettel mit den ganzen Nebenwirkungen, die der Spezies Mensch innewohnt.

Roter Faden des Abends war sein autobiografisches, mit politischen und historischen Einsprengseln durchsetztes Buch. Von daher war es ein sehr persönliches Programm. Man erfuhr, dass der Wonneproppen Thomas in Kindheitstagen schnell den Spitznamen Dickie weg hatte, dass er in der Schule wie auch Zuhause sein komödiantisches Talent ausprobierte und als der Barbier von Backnang galt. Der Vater bezeichnete seinen Sprößling als Zausel und diente ihn dem benachbarten Bankdirektor an, damit er aus ihm einen anständigen Menschen mit einem geachteten Beruf machen sollte. Das klappte, wie wir ein halbes Jahrhundert später wissen, nicht ganz. Aber Thomas Freitag zog auch aus seiner ungeliebten Banklehre Nektar für seine Bühnenauftritt.

Davon zeugt die Geschichte des jungen Weber- großes „W“ und kleines „eber“. Fleißig, redlich und verliebt. Eine teure Liebe, denn er lässt sich dazu verführen und das Geld aus der Bank zu stehlen. Von Selbstzweifeln zerfressen gesteht er den Bankraub seinem Direktor. Doch anstelle ihn zu maßregeln beschwört der Filialleiter seinen jungen Mitarbeiter nicht zu sagen, denn er habe den Schaden selbstverständlich bemerkt, aber buchhalterisch fast schon geheilt. Wenn er das Geld zurückzahle, müsse ja der Eindruck entstehen, die Kunden seien bestohlen worden. Also solle er es halt behalten und sich eine schöne Zeit machen.
Solche und ähnliche Geschichten zeugen von dem Menschen als Defizitär. Auch die, dass Mensch und Fruchtfliege genetisch zu 97 Prozent identisch sind. Ein anderes Beispiel aus dem Tierreich ist der Brief der Ameisen an die Menschen. Das Miteinander im Ameisenstaat, quasi der Gutmensch unter den Lebewesen, als Ideal des Miteinanders. Die Ameise ist Überlebenskünstler, die einfach nackt ist und nicht 24 Modewelten von H& M benötigt.
 Er übersetzt die Sozialen Medien in die Realität, schildert wenn die Freunde nicht online, sondern plötzlich direkt vor einem stehen und die vielen „Freunde“ aus aller Welt plötzlich das eigene Haus bevölkern. Eine grauenhafte Vorstellung. Auch die Geschehnisse um Tönnies, dem  Fleischfabrikant aus Mettmann, den Freitag nicht Worstcase, sondern Wurstscase nennt.

Etwas überraschend kam sein Ausflug in die Musik. Plötzlich ertönt die Verleumdungsarie aus dem Barbier von Sevilla von Gioachino Rossini. Er brummte eher als er sang den Originaltext, bis auf eine Kleinigkeit unverändert, wie Thomas Freitag im Nachhinein versichert.

Am Anfang des Abends kündigt er an, auf die Parodien, mit denen Freitag groß und bekannt geworden ist, völlig zu verzichten. Doch gegen Ende bricht seine diagnostizierte postparodistische Belastungsstörung heraus. Da sind sie wieder, die Strauss‘, Brandts, Schmidts, Kohls, Genschers, Blüms, Stoltenbergs. Doch wer kennt sie von den Jüngeren heute noch. Alle schon im Politikhimmel.

Mit großem Applaus verabschiedete das Herchener Publikum den 72-jährigen Thomas Freitag, der anschließend noch sein autobiografisches Werk „Hinter uns die Zukunft“ signierte. Ein überzeugender Abend.

 
 
 
 
 
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